Schottland – Tag 1

eingetragen in: Anderes, Fotografie, Landschaften | 0
15.09.26 Schottland
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Ganz bewusst haben Simon und ich uns dafür entschieden die Anreise nach Schottland nicht mit dem Flugzeug vorzunehmen, sondern den langen Weg über Bahn und Fähre gewählt. Wir haben uns erhofft auf diesem Weg mehr Leuten zu begegnen und Kontakte zu knüpfen. Mein Ziel für die kommenden zwei Wochen ist es zu möglichst vielen Menschen Kontakt zu knüpfen und etwas über sie zu erfahren. Zum einen möchte ich so ein wenig in Richtung Reportagefotografie kommen oder zumindest einmal ausprobieren was ich dafür halte und zum anderen ist es eine große psychische Herausforderung die ich bewältigen möchte.

Der Tag beginnt um fünf mit dem packen der letzten Utensilien. Ich bin gespannt was und wie viel ich vergessen habe (Mein Handyladekabel). Eine Stunde später im Taxi habe ich das erste Mal die Möglichkeit jemanden kennen zu lernen: Den Taxifahrer.

Er kommt aus dem Irak, genauer aus Bagdad. Dort hat er BWL studiert und mehrere Jahre in der Buchhaltung gearbeitet, bis er zu viel Angst um seine Familie hatte. “Du musst immer Angst haben, wenn du arbeitest, wenn du spazieren gehst, egal was du machst. Du weißt nie wann sie kommen und dir sagen das etwas passiert ist.”. Neben seinem Hauptberuf als Buchhalter hat er einen kleinen Laden geführt um sich und seine Familie zu ernähren. Zumindest so lange bis Alkohol verboten wurde.
Vor sieben Jahren wanderte er mit seiner Mutter, seiner Frau und seinen Kindern nach Deutschland aus, beantragte Asyl und durchlief die Gründlichkeit der deutschen Bürokratie. Zu diesem Zeitpunkt waren seine Brüder bereits nach Sydney und Australien ausgewandert.
Stolz erzählt er mir, das er seit einer Woche die deutsche Staatsangehörigkeit hat. Auf die Frage ob Deutschland es ihm leicht gemacht habe sich zu integrieren bekommt seine Stimme einen traurigen Klang. Er hat viele Versuche unternommen sein Studium anerkennen zu lassen, an Maßnahmen teil genommen, die Sprache gepaukt. Doch man hat sich dazu entschieden sein Studium nicht anzuerkennen. Trotzdem hat er stets gearbeitet, da ist er stolz drauf. Egal ob als Kellner oder Taxifahrer. Sein Traum ist es nun Busfahrer zu werden. Ihm gefällt der Kontakt zu Menschen und es gibt ein bisschen mehr Geld. Ob er denn jetzt mit einem Job auskommt frage ich ihn. Es reicht sagt er, genug zum Leben und sich etwas leisten.
Jetzt wo er endlich seinen deutschen Pass hat möchte er als erstes seinen Bruder und seine Nichte in Australien besuchen, die er seit über 10 Jahren nicht gesehen hat. Mit irakischem Pass hätte er mehrere Tausend Euro auf dem Konto gebraucht, eine offizielle Einladung seines Bruders über die Botschaft und einige weitere Unterlagen die nicht so einfach zu bekommen sind. Jetzt kann er einfach einen Flug buchen und endlich einen Teil seiner Familie wiedersehen.

Die Fahrt mit der Bahn verläuft erwartungsgemäß. Gleich der erste Zug hat so viel Verspätung das es fraglich ist ob wir unseren Anschluss bekommen. Erfreulicherweise klappt es jedoch und erst der zweite Zug ist so spät dran, das wir unseren Anschluss verpassen. Auf der Fahrt von Hamburg nach Duisburg teilen wir uns das Abteil mit einer Verschwörungstheoretikerin und zwei Jungs die gemeinsam mit uns die Augen rollen. Wirklich viel ist aus ihrem zusammenhangslosen Theorien nicht zu verstehen. Nur so viel das sie aus Rostock weg fährt, weil sie befürchtet das dort bald Krieg ausbricht und das ein ganz toller Wunderstoff namens “MMS” Tuberkulose, AIDS, Krebs und auch sonst alles heilen kann.

In Amsterdam müssen wir uns wegen der Verspätung spontan neue Wege suchen. Wieso hängt hier eigentlich nirgends ein Fahrplan? Also so wirklich keiner, weder wohin der Zug auf dem Gleis vor mir fährt, noch eine Übersicht über das Netz. Also heißt es ein wenig raten und sehen was passiert. Am Ende erreichen wir unsere Fähre tatsächlich kurz nach Beginn des Check in. Ab jetzt ist Urlaub angesagt, ab hier gibt es keinen Zeitplan mehr, nichts dass wir verpassen könnten. Man merkt uns beiden an wie Ruhe einkehrt und mit ihr auch die erste Müdigkeit. Rasch werden die Kameras ausgepackt, einsatzbereit gemacht und das Schiff erkundet. Dabei fällt uns auf, das mindestens acht Klassen an Bord sind die auf Studienfahrt nach Edinburgh wollen. Da müssen wir morgen unbedingt noch mal nachhaken was es damit auch sich hat.